Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

"Die Welt kann nur friedlich werden, wenn sie auch friedlich gedacht wird."

Erklärung des Deutsch-Arabischen Friedenswerks e.V. zu den Terroranschlägen

Das Deutsch-Arabisches Friedenswerk e.V. erklärt zu den Terroranschlägen in New York und Washington sowie den politischen Folgen:

Das Deutsch-Arabische Friedenswerk strebt ein friedliches Miteinander der Völker an und wendet sich gegen Krieg und Gewaltanwendung. Wir verurteilen damit auch jede Form des Terrorismus, sei er nun individueller, politischer oder staatlicher Herkunft. Dies ist der Maßstab, an dem wir die tragischen Vorfälle des 11. September 2001 messen.

Wir trauern angesichts der Opfer dieses Tages, wie wir es auch bei vielen Tausenden anderer Opfer getan haben, die in den zurückliegenden Jahren ihr Leben durch Gewalt und Krieg verloren haben. Wir teilen den Schmerz der Hinterbliebenen und fordern ein Ende der Gewalt sowie die Bestrafung Schuldigen.

Aber jede Schuld ist individuell und muß nachgewiesen werden, ehe eine gerechte Strafe vollzogen werden kann. Zu den grundlegenden Merkmalen zivilisierter Strafverfolgung gehört das Prinzip das Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Unschuldsvermutung, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. In diesem Sinne wenden wir uns entschieden gegen kollektive, häufig unterschwellige Schuldzuweisungen, die in Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen gegen arabische und islamische Mitbürger und Gäste unserer Landes zum Ausdruck kommen. Angesichts der amerikanischen Drohgebärden erwarten wir von der deutschen Öffentlichkeit und den politisch Verantwortlichen, daß sie Völker und Staaten wie Palästina, Irak, Libyen, Kuba, Nordkorea gegen ungerechte Anschuldigungen in Schutz nehmen.

Wir wenden uns gegen den von den Vereinigten Staaten von Amerika inszenierten Rachefeldzug mit der Drohung gegen jede Regierung und jedes Volk, das sich dem amerikanischen Vergeltungsdrang nicht willenlos ausliefert und zum Komplizen macht. Als deutsche Pazifisten sind wir zutiefst enttäuscht, daß eine deutsche Regierung und der deutsche Bundestag sich das Wort "Vergeltung" zu eigen machen und Beihilfe beschließen wollen. Das Grundgesetz ermächtigt unsere Regierung zur Verteidigung, nicht jedoch zur Teilnahme an Strafmaßnahmen, deren Gegenstand, Inhalt und Ziel unkontrolliert von einem anderen Staat festgelegt werden.

Wir erinnern daran, daß Vergeltung - z. B. gegen Partisanen - eine Strategie der nationalsozialistischen Führung war. Wir erinnern daran, daß die für den 1. Weltkrieg entscheidenden Ursachen erst nach dem Attentat von Sarajewo geschaffen wurden. Wir erwarten von den politisch Verantwortlichen in Deutschland, daß sie gegenüber den Vereinigten Staaten auf Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien und der Normen des Völkerrechts drängen und jeder Aggression gegen arabische und islamische Staaten Einhalt gebieten.

Die große Demonstration am Freitag, dem 14. September in Berlin hat die Sorge und den Wunsch der deutschen Bevölkerung zum Ausdruck gebracht: No war! hieß es auf den Transparenten. Wir stimmen dem Bundespräsidenten völlig zu, wenn er in seiner Ansprache auf die tieferen Ursachen des politischen Terrorismus hinwies: Sie liegen in der Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Erniedrigung vieler Millionen Menschen als Folge einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung und der rücksichtslosen, machtpolitischen Anwendung doppelter Maßstäbe.

In der Überwindung dieser Mißstände liegt der beste Ansatz zur Beseitigung des politischen Terrorismus. Wir fordern als einen ersten Schritt die Beendigung der öffentlich unkontrollierten Nebenaußen- und Sicherheitspolitik durch die Geheimdienste und erinnern in diesem Zusammenhang daran, daß sowohl die Taliban wie auch palästinensische Fundamentalisten jahrelang von amerikanischen Geheimdiensten gegen die legalen Führungen ihrer Länder unterstützt worden sind.

Das schreckliche Ereignis des 11. September 2001 ist nicht nur Ausfluß eines vielleicht aus dem Islam begründeten religiösen Fundamentalismus, es ist zugleich die reale Inszenierung jener Gewaltphantasien westlicher, besonders auch US-amerikanischer, Prägung, die tagtäglich millionenfach über Filme und Computerspiele verbreitet werden. Die Welt kann nur friedlich werden, wenn sie auch friedlich gedacht wird.

Die Schrei nach Rache und Vergeltung, verbrämt mit religiösen und patriotischen Gesten, die maßlose Aufstockung der Militärausgaben hat die Vereinigten Staaten als Führungsmacht der zivilisierten Welt in unseren Augen disqualifiziert. Wir appellieren an die Menschen guten Willens, diesen Irrweg nicht mitzugehen, sondern Recht, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle mit friedlichen Mitteln anzustreben.

15.09.2001
Dorothea Schendel, Vorsitzende, Dr. Peter Gerlinghoff, Beirat


Zurück zur "Terrorismus-Seite"

Zu anderen Themen

Zurück zur Homepage